XX. Weltjugendtag Köln 2005

Wir sind gekommen, um IHN anzubeten (Mt 2,2)

 

 
 
 

Der Weltjugendtag in Köln 2005 und sein Nachwirken in der Schweiz

Der Bericht ist im Solothurner Kirchenblatt erschienen und wurde freundlicherweise für www.weltjugendtag.ch zur Verfügung gestellt.

Zurück zum Kern des Christentums

Auch in der aufgeklärten Medienwelt gibt es unumstössliche Dogmen, z. B.: "Good news are no news." Vielleicht war dieses Dogma der Grund dafür, dass die Deutschschweizer Gruppe am Weltjugendtag 2005 in Köln zwar von einem Reporterteam des Schweizer Fernsehens einen Tag lang besucht wurde, die Redaktion jedoch abends kurzfristig entschied, den Beitrag nicht auszustrahlen. Dem Reporter war es beim Eintauchen in die Atmosphäre des Weltjugendtags nämlich ähnlich ergangen wie der "Blick"-Reporterin, die sich auf den Weg zur Abschlussveranstaltung auf dem Marienfeld gemacht hatte. Ihr äusserer Weg wurde für sie unerwartet zum "inneren Pilgerweg" (Papst Benedikt XVI.), wie sie in berührender Weise am Montag im "Blick" schilderte. Hat etwa das Schweizer Boulevardblatt ein feineres Gespür für die "Zeichen der Zeit" als die theologisch ausgebildeten "Unglückspropheten" (Papst Johannes XXIII.), die auch 40 Jahre nach dem Abschluss des 2. Vatikanischen Konzils nicht ausgestorben sind? Für sie war der Kölner Weltjugendtag bloss Symptom einer "Eventreligion", Diese "feiert die kollektive Ekstase. Inhalte bleiben dabei auf der Strecke." (M. Meier im "Tagesanzeiger")

Der mündige Christ ist skeptisch gegenüber den Manipulationen der Medien und möchte wissen, was wirklich geschieht beim Wachsen des Reiches Gottes. Aus den Gleichnissen Jesu weiss er, dass dieses Wachstum langsam und von aussen kaum wahrnehmbar, aber doch unaufhörlich und mit grosser Kraft geschieht. Auch solche Weise wuchs auch in den letzten Jahren die Weltjugendtagsidee in der Schweiz. Obwohl schon 1985 Papst Johannes Paul II. die Anregung von Jugendlichen aufgenommen und von da an alle zwei bis drei Jahre die Jugend der Welt zu einem Treffen in eine Grossstadt eingeladen hatte, blieb der Weltjugendtag in der kirchlichen Öffentlichkeit der Deutschschweiz lange Zeit praktisch unbekannt. Das Treffen in Paris 1997 brachte einen ersten Durchbruch, regte auch zum Beispiel die Disentiser Jugendvigil an. Es gelang in der Folge, breit abgestützte Arbeitsgruppen zu bilden, welche die Fahrt der (Deutsch-)Schweizer zu den Weltjugendtagen in Rom 2000, Toronto 2002 und Köln 2005 organisierten.

Eines der stärksten Erlebnisse auf den internationalen Weltjugendtreffen besteht für alle Teilnehmenden darin, dass wahre Katholizität erfahrbar wird: Menschen aller Völker, Kulturen, Sprachen stehen in lebendigem Austausch miteinander und wissen sich geeint im einen Glauben an den einen Herrn. Für den Geist der Weltjugendtage ist deshalb charakteristisch, dass Abgrenzungen überwunden werden und dass Netzwerke entstehen. Auch in der stark polarisierten Kirche in der Deutschschweiz gelang es zunehmend, Grenzen zwischen den neuen geistlichen Bewegungen, zwischen Bewegungen und Orden, zwischen Bewegungen und offiziellen Jugendverbänden bzw. -seelsorgestellen zu überwinden. Nicht zuletzt war so das nationale Jugendtreffen in Bern 2004, das in der Vorbereitung alle genannten Gruppen zusammenführte, eine Frucht der Weltjugendtage. Das "Wunder von Bern" war sicher auch ein entscheidender Grund, dass sich so viele Schweizer Jugendliche wie noch nie auf den Weg nach Köln machten: Beträchtlich über 2000 waren es insgesamt. Ein sehr grosses Anliegen wäre es, dass die für Köln beim Jugendbischof Denis Theurillat eingerichtete Teilzeitstelle zu einer Dauereinrichtung (Jugendsekretariat) würde. Leider fehlt bis anhin dafür das nötige Geld.

Was waren nun die stärksten inhaltlichen Impulse, die vom Kölner Weltjugendtreffen ausgingen, und was wirkt davon weiter im Alltag der Kirche in der Schweiz? Das Motto "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten" schien auf den ersten Blick reichlich weit weg von der Lebenswelt heutiger junger Menschen. Doch die Tage in Köln zeigten, dass gerade die Anbetung des eucharistischen Herrn den Nerv der Jugendlichen trifft. Sie haben genug von der Anbetung hohler Götzen wie Konsum oder Ideologien, sie haben genug von wortlastigen, moralisierenden Gottesdiensten. Sie suchen die Wahrheit, die ein Antlitz hat und die eine ungeahnte Freiheit schenkt, wenn man sich anbetend ihr hingibt. Weltjugendtage führen so auch bei Schweizer Jugendlichen zu einer Neuentdeckung der Sakramente der Eucharistie und der Beichte. "Noch viel mehr hat mich aber die Begegnung mit Gott, vor allem jene im Sakrament, beeindruckt," fasst ein jugendlicher Teilnehmer seine Kölner Erfahrung zusammen.

Zum Wesen des christlichen Glaubens gehört es, dass er kirchlich, das heisst in einer Gemeinschaft von Glaubenden gelebt wird. Da konkrete Kirchenerfahrung in der durchschnittlichen Pfarrei oft ausfällt und sich besonders junge Gläubige oft verloren vorkommen, suchen sie Gemeinschaft bei verschiedenen lokalen oder überregionalen Treffen. Seit 2003 finden in der Deutschschweiz die Weltjugendtage zwischen den internationalen Anlässen nicht mehr im Rahmen der Bistumstreffen, sondern auf sprachregionaler Ebene statt. Der nächste in Einsiedeln am 1./2. April 2006 steht unter dem Motto "Dein Wort ist meinem Fuss eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade." Bereits auf eine längere Tradition zurück schauen die Disentiser Jugendvigil und die Einsiedler Junge Wallfahrt. Auf zahlreiche weitere Angebote macht die "Jugenda" aufmerksam, die bald mit einer Website präsent sein wird und zu einem eigentlichen christlichen Jugendportal werden soll. Eines der zahlreichen lokalen Angebote ist die von Jugend 2000 initiierte "Tankstelle", die es seit Köln nun z. B. auch in Grenchen gibt.

Wer in der Anbetung dem lebendigen Christus begegnet ist und wer die geistgewirkte Freude einer "jungen Kirche" (Papst Benedikt XVI.) erfahren durfte, der möchte davon Zeugnis geben. "Die besten, ersten Apostel für die Jugendlichen sind die Jugendlichen. Anders als mit dem Zeugnis kann man das Evangelium nicht verkünden und das Zeugnis lebt von der Glaubwürdigkeit der Zeugen." Mit diesen Worten reagierte der Münchner Kardinal Wetter in Köln auf die Glaubenszeugnisse der jungen Menschen nach seiner Katechese. Und der Basler Bischof Kurt Koch erwartete von den Schweizer Jugendlichen, dass sie vor allem auch die vorhergehende Generation, die 40-60jährigen, bekehren, warnte sie jedoch mit einem Augenzwinkern: "Es ist eine Heidenarbeit, Christen zu bekehren." Für Papst Johannes Paul II. war mit den Weltjugendtagen stets das Anliegen der Neuevangelisierung verbunden. Diesem Anliegen dient in der Schweiz besonders das neue Angebot "Adoray", das schon in mehreren Städten (Luzern, Zug, St. Gallen) lanciert ist. Die Website lädt mit folgenden Worten ein: "Adoray ist eine Möglichkeit, ein begeisterndes Glaubenserlebnis zu haben. Du hast vielleicht Gleichgesinnte gesucht, um mit ihnen über den Glauben zu sprechen? Oder du kannst gar nichts mit der Kirche anfangen? Du wirst die katholische Kirche anders erleben als je zuvor. Dein Alter spielt keine Rolle. Die meisten sind zwischen 15 und 35 Jahren alt. Du bist nicht katholisch? Trotzdem bist Du eingeladen. Komm und sieh."

Weltjugendtagsteilnehmende sind keine katholische Sondergruppe, sondern normale heutige Jugendliche, die auf der Suche sind nach einem lohnenden Sinn ihres Lebens und nach glaubwürdigen Vorbildern des Glaubens. Dies erklärt auch, weshalb der zurückhaltende Papst Benedikt XVI. mühelos die Nachfolge seines charismatischen Vorgängers auf den Weltjugendtagen antreten konnte. Beide vermitteln durch ihre eigene Existenz die Christusverbundenheit, zu der sie die jungen Menschen einladen. In der Deutschweizer Kirche begegnete der suchende junge Mensch bis anhin oft einer "problematischen" Kirche, die mit lauter Problemen beschäftigt scheint, griesgrämig, freudlos, resigniert. Wen wundert es, dass ein solches Erscheinungsbild niemanden anzieht. Einen ganz anderen Weg zeigen die beiden Päpste auf: Zurück zum elementaren Kern des Christseins und diesen Kern den Menschen aufstrahlen lassen. In seiner ersten Enzyklika sagt es Papst Benedikt umwerfend einfach: Christen sind Menschen, die den Grundentscheid ihres Lebens so ausdrücken: "Wir haben der Liebe geglaubt." Darin ist auch die Idee und die Wirkung der Weltjugendtage zusammengefasst: die Begegnung mit dieser Liebe im Gebet und im Sakrament – das Bleiben in dieser Liebe durch Freundschaft, Teilen und Halten der Gebote – das Weiterschenken dieser Liebe durch Zeugnis und Einsatz für eine gerechte und friedliche Welt.

 
 

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